Wem Hilfsprojekte wirklich helfen können (English version coming soon)

Von Anne Brüggemann

 

Dominica nach Hurrikan Maria – wem Hilfsprojekte wirklich helfen können

 

 

 

„Maria sprach in allen Sprachen dieser Welt. Sie war wütend, als würde sie der Welt
sagen wollen, dass wir die Natur mehr achten und schätzen sollten!“
Maria war ein Hurrikan der Kategorie fünf, der am 18. September 2017 mit seinem Auge
über die kleine Karibikinsel Dominica fegte. Er zog gewaltig aber langsam über das
gesamte Land, so dass er möglichst viele Häuser zerstören, paradiesische Natur
verwüsten und Menschenleben nehmen konnte.

Wir schauen uns um und sehen fast nichts außer Geröll und Gerümpel. Häuser
sind zusammengefaltet und vollgestopft mit Schlamm, Bäumen, Wellblechen und allem,
was Maria finden konnte. Ein Regenbogen prächtig in all seinen Farben endet unten im
Tal, in dem ein ganzes Dorf zum Flussbett wurde. Die schönste Natur der Tropen knallt
im wahrsten Sinne des Wortes auf die zerstörte Existenz der fleißigen Dominicaner. Sie
erzählen uns ihre Erlebnisse, während sie Eimer für Eimer Dreck aus ihren Häusern
tragen. Der Wind bringt nicht bloß Erinnerungen und Vorstellungen, von dem was
geschah, mit sich, sondern hin und wieder auch unangenehme Gerüche. Modernde alte
Lebensmittel in einem verschütteten Kühlschrank? Oder tatsächlich die Leiche eines der
30 Menschen, die seit jener Nacht vermisst werden? Nachts hören wir lautes Brummen
der Stromgeneratoren anstatt Zwitschern und Zirpen der Tiere. Wir freuen uns, dass
unseren Liebsten nichts zugestoßen ist und wir trauern, dass so viele Menschen,
darunter Kinder, sterben mussten.

Dominica ist im Ausnahmezustand. Das Paradies, so ursprünglich und wohl
behütet in seiner ungestörten Natur und traditionellen Kultur, wurde Opfer der globalen
Erderwärmung. Die von Hurrikan Maria zerstörte Karibikinsel bekommt zwar im
gewissen Rahmen Soforthilfe, doch langfristig gesehen ist klar, dass nicht zuletzt
aufgrund Dominicas politischer Unabhängigkeit Hilfe fehlen wird.
So lässt sich bald der Schluss ziehen, dass Dominicas Unabhängigkeit ein Nachteil
für die Insel ist. Dieser Gedanke ist nicht all zu schnell von der Hand zu weisen. Doch
betrachten wir die Situation einmal aus einem anderen Blickwinkel, lässt sich erkennen,
dass für Dominica gerade durch die weitestgehende Unabhängigkeit von der Weltpolitik
und des Weltwirtschaftshandels Vorteile entstehen.

Dominica ist kein armes Land, weil es dort weniger Smartphones oder
Flachbildfernseher gibt. Dominica ist auch nicht arm, weil die Straßen viele Schlaglöcher
haben und Autos dadurch nicht tadellos neu und glänzend schimmernd sind. Dominica
ist auch nicht arm, weil die KassiererInnen in den Supermärkten sich Zeit beim
Kassieren lassen. Dominica ist erst recht nicht arm, weil es dort keinen Nike-Store,
MacDonalds geschweige denn eine Shopping-Mall gibt. Dominica ist überhaupt nicht
arm. Dominica ist reich. Reich an materieller Armut. Und ja, das macht die Dominicaner
leicht, frei, offen und kommunikativ, fröhlich, zuversichtlich, dankbar und entspannt.
Dominica ist reich an einer gesunden, positiven, gelassenen Lebensweise. Reich an
medizinischem Wissen über seine Pflanzen. Reich an frischem, freiwachsendem Obst
und eigenangebautem Gemüse.

Im Katastrophengebiet konnten wir kennenlernen, was es bedeutet ohne
fließendes Wasser, ohne Strom und mit eingeschränkter Nahrung zurechtkommen zu
müssen. Dominica hat sich nie über den Punkt der Nachhaltigkeit hinweg entwickelt.
Somit sind die Dominicaner dem ursprünglichen Kampf ums Überleben aufgrund ihrer
Unabhängigkeit zum Weltgeschehen stets nahe geblieben und haben sich dem nie
entfremdet. Nur so können sie mit der Kraft der Natur zurechtkommen und tragen ihr
Schicksal mit einer gewissen Leichtigkeit. Sie sind dankbar dafür, dass sie überlebt
haben, auch wenn sie all ihr Hab und Gut verlieren mussten. Sie teilen das, was übrig
geblieben ist und wo sie einander helfen können, da packen sie mit an. Diese
Lebensweise, das Schätzen der Natur und der gemeinschaftliche Umgang miteinander
lassen sich beneiden.

Warum sollten wir unsere aktuelle Sichtweise nicht ein wenig ändern? Warum
handelt es sich bei einem Land wie Deutschland um ein „hochentwickeltes Land“ und bei
einem Land wie Dominica um ein „unterentwickeltes Land“? Auch wenn diese
Begrifflichkeiten im heutigen Fachjargon längst veraltet sind, sind sie im Volksmund
stets gebräuchlich.

Gerade in der heutigen Zeit, in der Technik, Maschinen, materielle Wegwerfgüter,
Schnelllebigkeit und Billigproduktion überhandnehmen, sind simple, ursprüngliche,
naturbelassene und umweltbewusste Orte wie Dominica ein Segen. Sie sind ein
gesunder Gegenpol zum Massenkonsum oder sogar ein Vorbild für überentwickelte
Industrieländer. Denn offensichtlich haben sich Länder, wie auch Deutschland, in
bestimmten Punkten über ein gesundes Maß hinweg entwickelt. Nicht ohne Grund
geraten Themen wie Verringerung des Gebrauchs von Plastiktüten, Regulation der
Massentierhaltung und Maßnahmen zur Verhinderung von Burnout-Syndromen in den
Blickwinkel unserer modernen Gesellschaft.

Während unseres Aufenthaltes in Dominica wurde uns als Europäer und Teil der
Massenkonsumgesellschaft nur allzu deutlich vorgeführt, wie verheerend die Schäden
unseres alltäglichen Verhaltens sind und wie Symptome der kranken Welt andernorts
sichtbar werden als dort, wo die eigentlichen Ursachen sitzen. Diese Erkenntnis ist
leider keine neue. Aus Europa nach Afrika verschleppter Elektromüll, importiert den
afrikanischen Kindern beim Kupfer-Ausbrennen den Krebs. Gewaltiger
Billigfleischkonsum fördert tagtäglich die Massenproduktion und Massentötung von
Tieren hinter möglichst verschlossenen Türen ins unermessliche. Die Liste der
verantwortungslosen alltäglichen Handlungen, deren grausame Konsequenzen
geographisch weit entfernt von eben diesen Auslösern sichtbar werden, ist lang. Auch
Dominica musste diese Konsequenzen kennenlernen. Ein Land, das im Einklang und
überaus nachsichtig mit der Natur lebt, wurde durch die globale Erderwärmung Opfer
des immensen CO2-Ausstoßes, der in „hochentwickelten Industrieländern“ produziert
wird. Außer Maria wüteten ein gleichstarker Hurrikan namens Irma und auffällig viele
tropische Stürme während der Hurrikan-Saison 2017 in der Karibik. Weitere Inseln
sind von der Verwüstung betroffen.

Der Dominicaner räumt seinen Garten auf, hilft seinem Nachbarn und singt dabei
lauthals „Maria, Maria“ von Santana. Hin und wieder weint er, weil seine schöne Insel
von heut auf morgen zum Kriegsgebiet der globalen Erderwärmung wurde, zu der er
selbst nichts beiträgt. Und was tut der Deutsche? Er steht im Supermarkt und kennt zu
jedem Produkt eine Horror-Geschichte. Doch entziehen kann er sich der gewaltsamen
Konsumtretmühle bislang genauso wenig wie seinem alltäglichen Gehetze im ArbeitsHamsterrad unserer Gesellschaft. Am Ende will er doch sein unter größtem Stress
verdientes Geld für große Mengen an willkürlichen Produkten ausgeben, die er
anschließend auf den Müll schmeißt. Da läuft doch offensichtlich etwas falsch! Es wird
Zeit, dass wir uns umschauen und unsere vom übersättigten Markt müden Augen öffnen.
International entstandene Problemstellungen lassen sich sinnvollerweise auf
internationalen Lösungswegen begleichen. Insofern ergibt es Sinn, über den eigenen
Tellerrand zu schauen, die Lebensweisen der im gesunden Maß entwickelten
Gesellschaften als solche zu erkennen und sich zum Vorbild zu nehmen.
Durch gemeinschaftliche Projekte auf gleicher Augenhöhe kann Deutschland
nicht bloß den Dominicanern helfen, sich zu regenerieren und im Sinne ihrer Kultur
wieder aufzubauen. Sondern darüber hinaus kann ein interessanter Austausch
entstehen, von dem auch wir in Hinblick auf eine moderne, nachhaltige,
gemeinschaftliche Entwicklung unserer Wirtschaft und Sozialpolitik profitieren können.
Machen wir uns also frei von dem Gedanken, die Dominicaner bräuchten lediglich
unsere Hilfe, wo auch wir es sind, die ihre brauchen. Ein Hurrikan wie Maria gibt uns
Deutschen die Chance, den Dominicanern Hilfestellung in ihrem Wiederaufbau zu leisten
und dabei von ihnen zu lernen. Wir können kulturelle Verbindungen schaffen, die zu
Denkanstößen führen, welche im Trend unserer heutigen Gesellschaft gefragt sind.
Durch kleine, gezielte, kulturell orientierte Projekte, die Deutschland mit
Dominica verbinden, können kleine Veränderungen in unserer Gesellschaft initiiert
werden, die eine ausgewogenere Lebensweise fördern. So können langfristige
Hilfsprojekte beidseitig gewinnbringend sein.

Wichtig bei solchen Hilfsprojekten ist natürlich, den Plan zum Wiederaufbau im
Sinne der Bewohner der Insel zu bewahren und deren Herangehensweise zu
akzeptieren und möglichst unverfälscht zu lassen. Nur so kann der Deutsche den
Dominicaner erkennen und von seiner Sichtweise auf seine Umwelt lernen und
profitieren!

Wir haben während unseres Aufenthaltes mit vielen kleinen Privathaushalten und
darüber hinaus mit den folgenden Personen/Einrichtungen über mögliche Projektideen
gesprochen:

– Mrs Vernanda Raymond, Vorsitzende des Bibliothekssystems der Insel. In
Zusammenarbeit mit deutschen Bibliotheken können Spenden akquiriert werden, um
den Bestand der Bücher der Bibliothek in Roseau und in erster Linie das Gebäude selbst
wieder instand zu setzen.

– Raymond Lawrence, Leitender Kulturbeauftragter der Insel. Durch einen kulturellen
Austausch zwischen Deutschland und Dominica können Spenden akquiriert werden und
interessante Projekte entstehen, die mitunter beim Wiederaufbau betroffener
Kulturzentren helfen können.

-Lydia Joseph Phillip, Lehrerin der Morne Jaune Primary School. Bezüglich der
Traumabewältigung betroffener Kinder können gemeinschaftliche Projekte
beispielsweise zwischen Dominicanischen und Deutschen Schulen oder den
Dominicanischen Schulen und Deutschen pädagogischen Fakultäten entstehen.

-Keithnoy Woodman, Techniker des Arawak House of Culture in Roseau. Ein Austausch
zwischen Deutschen Theatern und dem Arawak Theater in Dominica kann interessante,
interkulturelle Projekte ergeben, die helfen Spenden zu akquirieren. Neben einigen
Arbeiten am Dach des Theaters kann eine verbesserte Technik-Ausstattung des Theaters
den kulturellen Zusammenhalt der Insel fördern.

-Glen Etienne, Leiter des dominikanischen Fußballverbandes. Um Kindern in schwer
betroffenen Gebieten das Fußballspielen wieder schmackhafter zu machen, können in
Zusammenarbeit mit deutschen Vereinen Fußballtornetze, Zäune und Beleuchtung
kleiner Bolzplätze organisiert werden. Außerdem können internationale
Austauschprojekte stattfinden.

Bei Interesse jeglicher Art, zur Information, weiterer Projektideen oder
Verbindungsvorschlägen sind E-mails an Anne Brüggemann willkommen:
a_brueggemann@web.de

Mehr Informationen zur Hilfe und Unterstützung privater Haushalte, betroffener Kinder
und Kranken sowie eine Spendenadresse mit transparenten Informationen zu aktuellen
Hilfsprojekten unter: www.dominica-charity.org

Help Dominica to rise again!
Text: Anne Brüggemann

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